Wird das Ausmass der Einkommensungleichheit unterschätzt?

23.08.2016

Wie gross ist die Schere zwischen Arm und Reich in der Schweiz? Offizielle Statistiken zur Einkommensungleichheit geben darauf eine Antwort. Eine Studie des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit und der Universität Bern hat den bisherigen Erhebungsmethoden Steuerdaten gegenübergestellt. Daraus sind Abweichungen ersichtlich.

Das Ausmass der Einkommensungleichheit zu bestimmen ist ein schwieriges Unterfangen, das hohe Anforderungen an die Wissenschaft stellt. Viele Länder haben dafür eigene Erhebungen konzipiert. Mittels regelmässig durchgeführter Stichprobenbefragungen können Expertinnen und Experten die Entwicklung der Einkommensverteilung untersuchen. In der Schweiz wird dafür häufig die Haushaltsbudgeterhebung (HABE) verwendet.

Untersuchung anhand von Steuerdaten
Forscher der Berner Fachhochschule und der Universität Bern haben im Rahmen des Forschungsprojekts «Ungleichheit in der Schweiz» anhand von Steuerdaten untersucht, wie verlässlich gesellschaftliche Verteilungsindikatoren durch Stichprobenbefragungen berechnet werden können.

Dafür haben sie die aus der HABE resultierende Verteilung der Primäreinkommen (Einkommen vor Sozialtransfers und Steuern) mit einer Verteilung basierend auf Steuerdaten verglichen. Damit die Resultate vergleichbar sind, haben sie Haushalts- und Einkommensdefinitionen harmonisiert. Weil in Steuerdaten alle Steuerpflichtigen aufgeführt sind, kann vermutet werden, dass sie die Gesamtheit der Bevölkerung akkurater abbilden.

Tiefe und sehr hohe Einkommen sind untervertreten
Der Vergleich der Daten zeigt, dass in der stichprobenbasierten HABE tiefe und sehr hohe Einkommen untervertreten sind. Dies betrifft insbesondere die reichsten und die ärmsten 5 Prozent. Wird die Ungleichheit mit dem Gini-Koeffizienten beziffert, so fällt die Ungleichheit der Primäreinkommen (vor Sozialtransfers und Steuern) in den Steuerdaten rund 10 Prozent höher aus.

Die Studie wirft die Frage auf, ob nicht auch in anderen Ländern das Ausmass der Ungleichheit unterschätzt wird, wenn hierfür Befragungsdaten verwendet werden. Der jüngste Trend der Ungleichheitsentwicklung wird schliesslich genau durch jene Gutverdiener angetrieben, die in Befragungen systematisch untervertreten sind.

Medienmitteilung vom 23. August 2016
Artikel in der Aargauer Zeitung vom 23. August 2016

Das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit
Blog knoten & maschen des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit

Angaben zur Publikation
Oliver Hümbelin, Rudolf Farys: The suitability of tax data to study trends in inequality – A theoretical and empirical review with tax data from Switzerland, Research in Social Stratification and Mobility, Volume 44, Juni 2016, S. 136–150, doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.rssm.2016.04.004

inequalities.ch: Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in der Schweiz - Forschungsprojekt des Instituts für Soziologie der Universität Bern und des Fachbereichs Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule